11

 

Es überraschte mich, dass das Haus so bemerkenswert normal aussah.

»Normal jedenfalls, wenn man an prachtvolle Tudor-Villen aus Backstein gewöhnt ist«, murmelte ich, als wir durch die Sicherheitstore eine Einfahrt entlangfuhren. Das Haus lag oben auf einer kleinen Anhöhe, eingerahmt von einem Halbkreis stattlicher Weiden und Linden, hinter denen man Wasser glitzern sah - vermutlich ein großer Teich oder ein kleiner See.

»Wovon redest du?«, fragte Cyrene.

»Nichts. Was hast du gefragt?«

»Oh, oh, du hörst doch nicht etwa Stimmen? Bei Ash hat es auch so angefangen, und es hat ein schlimmes Ende genommen«, erklärte Jim und besabberte heimlich Fiats Schuhe.

Cyrene warf Fiat, der mürrisch aus dem Fenster schaute, einen Blick zu. Dann flüsterte sie mir ins Ohr: »Lass mich nicht allein mit ihm.«

Ich betrachtete das Haus. Es war wirklich prachtvoll - ein schönes Beispiel für Tudor-Architektur in bester Ausprägung. Ein gedrungener, rechteckiger Bau mit drei Stockwerken, mit Kantensteinen und Brüstungen. Alle Drachen hatten schöne  Häuser, aber bei diesem Anblick lief mir das Wasser im Mund zusammen. Wie grüner Samt ergoss sich der Rasen über den Hügel. An der rechten Seite endete er in einem Taxus-Labyrinth, während sich auf der linken ein formeller Garten erstreckte, der gerade jetzt ein Blütenmeer aus orangefarbenen, bronzefarbenen und rosafarbenen Blumen war. Ich verliebte mich auf der Stelle in den Garten, in den Park und in das Haus. »Es ist so perfekt. So exquisit. Ob es Gabriel wohl auch gefallen würde? Sehr ländlich, nicht wahr? Aber das mag er. Und er mag bestimmt auch samtigen grünen Rasen, schöne Blumen, Hecken und Bäume.«

Cyrene warf mir einen merkwürdigen Blick zu und Jim sagte: »Na toll. Jetzt ist May übergeschnappt. Muss an den Stimmen liegen.«

Fiat ignorierte uns weiter, deshalb sagte ich zu Cyrene und Jim, während ich staunend aus dem Fenster schaute: »Ich bin völlig bei Verstand, vielen Dank. Du liebe Güte, ist das da hinten ein Pavillon? Könnte dieser Besitz noch perfekter sein?«

»Mayling!« Cyrene stieß mich unsanft in die Rippen. Ich riss meinen Blick von dem filigranen schmiedeeisernen Bau in der Ferne los.

»Was ist?«

Sie warf einen betonten Blick zu Fiat. Er starrte aus dem Fenster, als ob wir ihn zu Tode langweilten. An ihm vorbei glitt mein Blick zu einem silbrigen Bach, der sich um ein paar Taxushecken wand und dann dahinter verschwand. »Ein Bach. Natürlich. Nicht zu tief, aber tief genug, um an einem langen, heißen Sommernachmittag darin herumzuplantschen. Und danach kannst du im See hinter dem Labyrinth schwimmen gehen.«

»Bach? See?« Sofort schob Cyrene mich beiseite, damit sie ebenfalls durch das Fenster blicken konnte. »Das Wasser sieht ganz klar aus. Wahrscheinlich fließt es in den See. Ich wette, es ist nicht zu kalt zum Schwimmen ...« Sie warf mir einen bösen Blick zu. »Das hast du absichtlich gemacht. Hör auf, mich abzulenken.«

Seufzend antwortete ich ihr leise: »Ich habe dir doch gesagt, dass ich es bin, auf die Fiat es abgesehen hat. Er hat bestimmt irgendeinen bösen Plan, um Gabriel mit mir als Geisel zu erpressen. Okay? Bist du jetzt zufrieden? Gut. Sind das Mullvorhänge an den Fenstern? Ach, du liebe Güte, das ist wirklich sensationell. Wenn ich da an das Haus in Italien denke, dann hat sich Fiats Geschmack beträchtlich geändert. Ob er es wohl verkaufen würde?«

»Er will mich als Gefährtin stehlen«, flüsterte Cyrene, als wir vor der Eingangstür hielten. Ich wimmerte leise beim Anblick des eleganten weißen Säulenportals und der geschliffenen Glasscheiben zu beiden Seiten der Türen. Ich war auf einmal von einem so überwältigenden Verlangen nach diesem Haus erfüllt, und zugleich war es mir so vertraut, dass ich mich unwillkürlich fragte, warum ich so etwas noch bei keinem anderen Haus empfunden hatte.

Fiats blonde Bodyguards rissen die Wagentür auf.

»May!«

Die Angst in ihrer Stimme riss mich aus meinen Hausträumen. Ich schaute meinen erschrockenen Zwilling an. »Cy, wir haben doch schon oft genug darüber gesprochen - du bist keine Wyvern-Gefährtin ! «

»Aber ich habe dir doch gesagt, dass ich eine ›Gefährtin light‹ bin. Und außerdem, warum sollte Fiat mich sonst Kostya stehlen wollen?«

»Ich muss pinkeln. Bin gleich wieder zurück. Dreht mir hier nicht vollständig durch, bis ich wieder da bin, damit ich nichts verpasse«, sagte Jim und sprang aus dem Auto, um sich ins Gebüsch zu verziehen.

Fiat stieg aus. Magoth, der immer noch bewusstlos war, rollte vom Sitz auf den Boden der Limousine. Sein Kopf krachte wie eine reife Melone auf den Boden.

»Ich kann dir garantieren, dass Fiat dich nicht als Gefährtin stehlen will«, beruhigte ich sie und tätschelte ihr den Arm. Sie hatte wirklich Angst davor, aber auch wenn ihr Verhalten mich aufregte, ließ ich es sie nicht spüren.

»Das sagst du«, erwiderte sie düster. »Du hast nicht gesehen, wie er mich anschaut! Er begehrt mich!«

»Natürlich tut er das. Du bist sehr hübsch - viele Männer begehren dich.«

»Nicht so«, sagte sie. Sie beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen durch die geöffnete Wagentür, während er mit seinen Bodyguards sprach. »Er will mich als Gefährtin, damit er die Drachen übernehmen kann.«

Ich war mir nicht ganz sicher, wie sie darauf kam, aber ich hatte jetzt keine Zeit, um nachzufragen. »Hör auf, dir Sorgen zu machen«, sagte ich nur. »Ich lasse nicht zu, dass er dich für sich nimmt.«

»Kommt«, sagte Fiat und streckte die Hand aus. Er klang so ungeduldig, dass ich fast erwartete, er würde mit den Fingern schnipsen. Schon lag mir eine Erwiderung auf der Zunge, die ich später sicher bereuen würde, aber ich dachte gerade noch rechtzeitig daran, dass ihm das Haus gehörte, und ich wollte es doch mit aller Macht selber besitzen. Mit Höflichkeit käme ich bestimmt weiter.

Warum ich auf einmal so auf dieses Haus versessen war, ließ ich erst einmal unbeachtet. »Es war einmal ein Heim, und es wird wieder eins sein«, sagte ich leise zu mir. Cyrene warf mir erneut einen seltsamen Blick zu, aber meine Verwirrung war sogar noch größer. Was um alles in der Welt hatte ich damit gemeint?

»Kommt!«, sagte Fiat heftiger, und dieses Mal schnipste er tatsächlich mit den Fingern.

Cyrene war empört über seine Geste, aber ich packte sie am Arm und zerrte sie hinter mir her, entschlossen, höflich und zuvorkommend zu sein. »Das ist ein absolut großartiges Haus«, sagte ich zu Fiat, als er mir aus dem Wagen half. Die roten Backsteine schimmerten warm in der Nachmittagssonne, und die Fenster blitzten.

Fiat warf einen kritischen Blick auf das Haus und zuckte mit den Schultern. »Ja, es ist erträglich.«

Erträglich? Ich schrie in Gedanken auf, als er dieses profane Wort auf das Haus anwendete.

»Ich ziehe etwas Moderneres vor, aber die Parkanlage ist hübsch. Denke bitte daran, dass dein Zwilling meiner Gnade ausgeliefert ist, wenn du irgendwelche Tricks versuchst.« Ein Lächeln blitzte in seinen Augen auf, aber es war keineswegs freundlich. »Und Gnade ist eine Eigenschaft, die ich gar nicht besitze.«

Wir betraten das Haus und gingen durch die Eingangshalle. Tief atmete ich den Duft nach Möbelpolitur und Zitrone ein. Ich schloss kurz die Augen, um mich dann umso mehr an dem Anblick des herausragenden Inneren des Hauses zu erfreuen.

Die Treppe war ein Kunstwerk, mit korinthischen Anfangssäulen und einem fein gearbeiteten Geländer. Die Wände waren mit dunklem Holz verkleidet. Wandteppiche hingen daran, manche in leuchtenden Farben, die meisten jedoch im Laufe der Zeit verblasst. Ich blieb vor einem stehen, der mir irgendwie bekannt vorkam, und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich einen Namen erkannte. »Ist das ... ist das nicht William der Eroberer?«

»Ja«, antwortete Fiat.

Ich betrachtete den Wandbehang genauer. Er war durch einen an die Wand montierten Glaskasten geschützt, damit er nicht in der Sonne ausbleichte. »Er sieht ein bisschen so aus wie der Teppich von Bayeux.«

»Es ist der Teppich von Bayeux.«

Als ich die Stimme hörte, fuhr ich erschrocken herum. Nicht Fiat hatte mir geantwortet - neben ihm stand ein Mann mit dunkelbraunen Haaren und Augen, die wie die Fensterscheiben blitzten. »Hallo, Baltic. Was machst du denn mit dem Teppich von Bayeux?«

Er trat neben mich. »Es ist nur ein Teil des Teppichs: Williams Krönung. Ich stelle ihn gerne aus, weil er mich an eine glückliche Zeit erinnert.«

»Warst du dabei?«, fragte ich.

»Nein, nicht bei der Krönung, aber ich habe den Sterblichen viele Male bei ihren Schlachten geholfen.«

»Ich war dort. Es war nicht besonders aufregend«, sagte Cyrene. Sie warf Fiat einen feindseligen Blick zu, den er erwiderte. »London war damals sehr schmutzig, und die Leute waren sehr grob. Ständig flog vergammeltes Gemüse durch die Luft. Mir war Paris viel lieber.«

»Warum hast du den Sterblichen bei ihren Schlachten geholfen?«, fragte ich Baltic. Die Vorstellung, dass sich ein Drache in menschliche Angelegenheiten einmischte, faszinierte mich.

Er lächelte. »Hast du noch nie mit Schwert und Schild auf einem feurigen Schlachtross gesessen und tief den Duft von Blut und Gedärmen eingeatmet, wenn sich die Sterblichen gegenseitig abgeschlachtet haben? Hast du nie empfunden, wie lustvoll die Schlacht dich im Griff gehalten hat? Hat dein Herz noch nie so laut geschlagen, dass du die Schreie und das Ächzen der Verwundeten und Sterbenden nicht mehr hören konntest? Hast du noch nie mit dem Schwert um dich geschlagen und Arme und Beine abgehackt?«

»Nein«, erwiderte ich. Bei dem Bild, das er mir zeichnete, stieg Übelkeit in mir auf.

Er zuckte mit den Schultern. »Dann kannst du es auch nicht verstehen. Fiat, du kannst gehen.«

Da erst fiel bei mir der Groschen. »Das ist dein Haus?« So ein prachtvoller Bau gehörte ihm. Er sollte mir gehören, verlangte eine kleine Stimme in meinem Kopf.

»Ja.« Er warf mir einen Blick zu. »Ich habe es als Geschenk für meine Gefährtin bauen lassen.«

»Für Ysolde?« Der Gedanke, dass es Ysoldes Haus war, besänftigte mich ein bisschen, auch wenn sie möglicherweise genauso zerstörerisch gewesen war wie Baltic.

Sein Blick glitt zu einer holzvertäfelten Wand, aber ich bezweifelte, dass er sie wirklich sah. Einen winzigen Moment lang wurde Baltics Miene weich, und in seinen Augen leuchtete es auf wie in einem Teich, in den ein Sonnenstrahl dringt. Auch seine Stimme verlor viel von ihrer Härte. Sie wirkte auf einmal weicher und tiefer. »Das Haus haben wir zusammen entworfen, aber den Garten hat sie ganz allein geplant. Sie liebte Blumen. Sie sollten das ganze Jahr über blühen. Ich habe ihr gesagt, das Klima sei hier nicht geeignet dazu, aber sie war hier geboren und wollte nirgendwo anders leben.«

»Was ich vom Park und dem Garten gesehen habe, war ganz wundervoll«, sagte ich, und ich meinte es absolut aufrichtig. Ich war erfüllt von dem seltsamen Gefühl, eine große Liebe mit diesem Mann zu teilen, aber das war Wahnsinn. Verwirrt schüttelte ich den Kopf.

»Sie wollte, dass die Akzeptanz-Zeremonie im Garten stattfindet, umgeben von Geißblatt und Linden«, sagte er, den Blick immer noch nach innen gerichtet. »Sie fand es passend, dass sie hier in diesem Haus, das ich für sie gebaut hatte, formell meine Gefährtin werden sollte.«

»Du hast wirklich ein wunderschönes Haus gebaut. Es ist kaum zu beschreiben, so perfekt ist es. Ich weiß nicht, warum, aber es scheint zu mir zu sprechen. Es ist, als ob ... ich weiß nicht. Es ist schwer in Worte zu fassen. Es ist einfach ... perfekt.«

»Ja, das ist es.« Halb lächelnd wandte er sich mir zu, und plötzlich lag ich in seinen Armen.

»Du hast sie geliebt«, sagte ich dicht an seinen Lippen.

»Mehr als mein Leben«, antwortete er, und seine Lippen glitten über meine.

»Boah! Das habe ich nicht kommen sehen!«, hörte ich Jim sagen, als sich Baltics Arme um mich schlossen. Das Gefühl der Verbundenheit wurde immer stärker, begleitet von einem Gefühl der Richtigkeit, das mich mit vagen Erinnerungen erfüllte.

»May? Du liebe Güte - May?« Cyrenes Stimme durchdrang kaum den roten Nebel der Begierde, aber ich konnte nicht aufhören.

Bis Baltic mich küsste.

In der Sekunde, als sich seine Lippen auf meine senkten, löschte eine kalte Welle des Unbehagens alle Drachenfeuer, die das Stück Drachenherz so unbedingt entfachen wollte.

»Ysolde«, murmelte er an meinem Mund.

Ich drückte ihn mit beiden Händen weg. Kurz glomm Überraschung in seinen Augen auf, um dann sofort kalter Wut zu weichen.

»Ich bin nicht Ysolde«, sagte ich.

»May, was tust du da?« Cyrene zupfte an meinem Ärmel. Sie warf Baltic einen misstrauischen Blick zu. »Ich weiß, dass du eifersüchtig auf alle Frauen bist, die Gabriel umschwärmen, aber das ist nicht die Antwort! Du musst mir glauben - ich habe mehr Erfahrung mit Männern als du, und ich kann dir versichern, dass es nicht der richtige Weg ist, wenn du mit einem anderen Mann flirtest, um ihn eifersüchtig zu machen. Es nimmt bloß ein schlimmes Ende, und für gewöhnlich ist dann ein Mann tot.«

»Es war das Stück Drachenherz«, sagte ich. Ich fühlte immer noch, wie es in mir pochte, und war erschüttert über das, was passiert war. Wenn das Stück Drachenherz auf Magoth reagierte, dann wusste ich warum - es war ein Versuch, Macht zu erlangen. Aber das hier war etwas anderes - das hatte etwas mit Ysolde zu tun. Sie liebte Baltic, das wurde mir in diesem Moment klar. Und er hatte ein Haus für sie gebaut, nur um ihr eine Freude zu machen, weil auch er sie mit verzehrender Leidenschaft liebte. Wie groß der Schmerz war, als er sie verlor, konnte ich nur ahnen ... Aber das war keine Entschuldigung für seine Handlungsweise. Ich hob das Kinn und warf ihm einen gleichmütigen Blick zu. »Ich reagiere wegen des Drachenherzens so auf das Haus ... und auf dich.«

Baltic blickte mich gelangweilt an. »Du trägst das Stück in dir, das einst meine Gefährtin besaß. Ich zweifle nicht, dass sie etwas von sich selbst darin hinterlassen hat. Umso mehr ein Grund für mich, es haben zu wollen.« Er wandte sich zum Gehen. In diesem Moment sah er Fiat. Stirnrunzelnd fragte er: »Was tust du noch hier? Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich nicht mehr brauche. Du kannst gehen.«

Eine Fülle von Emotionen glitt über Fiats attraktives Gesicht - Ungläubigkeit, gefolgt von Ärger, der rasch abgelöst wurde von tiefer Wut. Das musste ich ihm lassen - er hatte sich unter Kontrolle.

»Bringt sie nach unten«, sagte Baltic mit einer Handbewegung zu Cyrene und mir.

Zwei Drachen traten aus den Schatten, einer davon war der Mann, der ihn zu Gabriels Haus begleitet hatte.

»Wo nach unten?«, fragte Jim nervös. »Ist unten eine komfortable Suite mit Digitalfernseher und einem heißen Bad?«

Baltic blieb an der Tür stehen und lächelte erneut. Es war kein nettes Lächeln. »Es schmerzt mich, auf Klischees zurückzugreifen, aber ich glaube an traditionelle Kerker. Ihr findet die Folterinstrumente wahrscheinlich nicht so unterhaltsam wie Digitalfernsehen, aber ich bestimmt.«

»Nein«, sagte ich einfach.

Baltic warf mir einen ungläubigen Blick zu. »Du willst dich mir doch nicht widersetzen, Gefährtin?«

»Ich glaube, das habe ich gerade getan«, sagte ich ruhig. Mein Herz schlug wie wild, und meine Handflächen wurden auf einmal ganz feucht. »Ich werde nicht einen Schritt von hier weg gehen, ehe du mir nicht erklärt hast, warum du uns von Fiat hast entführen lassen.«

»Ich brauche dir gar nichts zu erklären«, sagte er finster und machte drohend einen Schritt auf mich zu. Ich reckte mein Kinn und blickte ihn furchtlos an.

»Es kann nicht nur das Stück Drachenherz sein. Um daran zu kommen, brauchtest du ja nicht Cyrene und Jim zu entführen - du brauchtest mir nur den Kopf abzuschlagen und das Stück zu nehmen. Also sind wir wohl aus einem bestimmten Grund hier, und ich kann mir nur denken, dass es eine Falle ist, und wir sind der Köder.«

»Kluge kleine Hexe«, sagte er und trat noch näher an mich heran. Ich spürte noch etwas anderes, etwas Vertrautes, ein Gefühl von Déjà-vu, das ich jedoch nicht fassen konnte. »Viel zu klug für dein eigenes Wohl.«

»Gabriel ist nicht dumm«, fuhr ich fort und wehrte mich gegen das vertraute Gefühl. Ich wollte nicht mit Baltic vertraut sein. Er sollte mich nicht mehr küssen, und ich wollte auch nichts mehr von seinen Erinnerungen hören. Er sollte mir fernbleiben, weiterhin der Böse sein, nicht der Mann, der für die Frau, die er liebte, alles tat. »Er geht nicht blind in irgendeine Falle, ganz gleich ob ich der Köder bin oder etwas anderes.«

Baltic blickte mich eindringlich an, als wolle er meine Gedanken ergründen. »Wie kommst du auf die Idee, dass es mir um Gabriel geht?«

Ich starrte ihn ungläubig an. Wenn er nicht Gabriel eine Falle stellen wollte, warum entführte er mich dann? Fiats Bodyguards kamen mit Magoth ins Haus. Baltic, der sich erneut zum Gehen gewandt hatte, zögerte, als er den Dämonenfürsten sah. Dann warf er mir einen fragenden Blick zu.

»Du weißt ja mittlerweile, dass ich nie ohne meine kleine Truppe reise«, sagte ich.

Er schätzte meinen Witz nicht, aber das war schon in Ordnung, ich schätzte es auch nicht, dass er uns gekidnappt hatte.

»Wir wollen sehen, ob du morgen immer noch lachst«, sagte er und verließ das Zimmer.

»Morgen? Du hast mir meine Frage nicht beantwortet! Was hast du mit uns vor? Baltic! Verdammt!« Wütend machte ich einen Schritt auf die Tür zu, aber seine Männer stellten sich mir sofort in den Weg. Ich musterte sie einen Moment lang und überlegte, ob ich es in Drachengestalt wohl mit beiden aufnehmen könnte. In diesem Augenblick explodierte Fiat.

»Che cazzo stai dicendo?«, knurrte er, und ich war einen Augenblick lang froh, dass ich seine Sprache nicht sprach. Er drängte sich an mir vorbei durch die Tür, durch die Baltic gerade gegangen war, und schrie hinter ihm her: »Nessuno me lo ficca in culo!«

Jim wirkte schockiert.

»Wie übel war Fiats Fluch denn auf einer Skala von eins bis zehn?«, fragte ich ihn leise.

»Fünfzehn.«

»Autsch.« Ich zog Cyrene aus dem Weg, als Fiat mit wütendem Gesichtsausdruck an uns vorbeistürmte. Aber er stürmte doch nicht vorbei, sondern packte mich am Arm.

»Ich dulde das nicht! Du bist mein Preis, nicht seiner! Wenn er denkt, er kann mich wie einen Lakaien behandeln, dann hat er sich aber geirrt!«, grollte er und zerrte mich quer durch das Zimmer.

»Iiih!«, schrie Cyrene und versteckte sich hinter mir. »Es hat angefangen! Er versucht, mich zu stehlen! Er hält dich für mich!«

»Fanculo«, spuckte Fiat sie an. Mit einer einzigen Handbewegung fegte er sie an die Wand.

Das Stück Drachenherz wäre gern zum Leben erwacht, aber ich hielt es in Schach. Noch bevor Cyrene an der Wand ankam, hatte ich mein Messer aus der Scheide am Knöchel gezogen und drückte ihm die Spitze an den Hals. »Niemand«, sagte ich mit vor Wut rauer Stimme, »niemand tut meinem Zwilling etwas zuleide.«

Fiat verwandelte sich und holte mit einem blaugeschuppten Arm zum Schlag aus, aber ich duckte mich und ging instinktiv in die Schatten. Im Raum war es zwar hell, aber ich war trotzdem nur noch schwer zu sehen. »Jim, pass auf Cy auf«, befahl ich und drückte mich flach auf den Fußboden, während Fiat sich suchend nach mir umschaute.

Fiats Bodyguards ließen Magoths reglosen Körper los und verwandelten sich ebenfalls. Ich huschte an ihnen vorbei, in eine dunklere Zimmerecke, was mir allerdings wenig nützte, da sich Baltics Leibwächter auch verwandelten. Ich stellte fest, dass sie schwarz waren, nicht weiß wie Baltic.

»Das ist ja hier die reinste Drachenparty«, sagte Jim, der bei Cyrene Wache hielt. Sie setzte sich gerade auf und betastete ihren Kopf.

»Mayling?«, rief sie. Sie kreischte vor Entsetzen, als einer der schwarzen Drachen auf sie losstürmte. Er war jedoch hinter einem von Fiats Männern her und sprang dem, den Fiat Renaldo genannt hatte, auf den Rücken. Sofort wälzten sie sich schreiend und kämpfend am Boden. Der zweite schwarze Drache hinderte den anderen blauen Bodyguard daran, seinem Kumpel zu Hilfe zu kommen.

Das Stück Drachenherz verlangte von mir, ich solle mich verwandeln und mit Fiat kämpfen, der mitten im Raum stand und sich nach mir umsah. Ich drückte mich tiefer in den Schatten einer riesigen Anrichte. Wenn er genauer hinschaute, würde er mich sehen.

»Komm heraus, cara«, rief er. Seine Stimme klang beinahe normal - beinahe. »Ich habe dir doch gesagt, was passieren würde, wenn du dich vor mir versteckst.«

Das Licht im Zimmer wurde plötzlich schwächer. Cyrene stand am Lichtschalter und machte das Licht aus, und Jim zog die schweren dunkelblauen Vorhänge an den Fenstern zu.

»Damit du die Tatsache, dass du sauer bist, an deinen Boss weitergeben kannst?«, rief ich Fiat zu. Er wandte sich Cyrene zu. Ich musste unbedingt wieder seine Aufmerksamkeit auf mich ziehen. »So dumm bin ich nicht, Fiat.«

Wütend schlug er mit seinem Schwanz. Renaldo und einer der schwarzen Drachen wälzten sich blutüberströmt auf dem Fußboden hinter ihm, und kurz war er abgelenkt. Ich nutzte die Gelegenheit, um in die andere Ecke des Zimmers zu huschen, die jetzt dank Jim ganz dunkel war.

»Er ist nicht mein Boss«, knurrte Fiat und blickte sich suchend nach mir um. »Öffnet die Vorhänge, damit ich sie sehen kann«, fuhr er seine Männer an, aber sie waren zu beschäftigt, um ihm zu gehorchen.

»Nein? Komisch, du nimmst Befehle von ihm entgegen, als ob er dir vorgesetzt wäre. Was für eine Verbindung habt ihr dann, Fiat? Glaubst du etwa, er hilft dir, wieder die Kontrolle über die blauen Drachen zu übernehmen?« Ich entfernte mich immer weiter von Cyrene.

»Ich habe kein Verlangen nach einer anderen Sippe«, antwortete Fiat. Seine Augen leuchteten intensiv blau, als er den dunklen Raum nach mir absuchte. »Ich bin Wyvern der roten Drachen.«

»Chuan Ren ist da sicher anderer Meinung. Du weißt ja, dass sie wieder da ist. Oh, ja natürlich weißt du es - Gabriel hat gesagt, du hättest dich vor ihr versteckt.« So einen Schlag auf sein Ego würde Fiat nicht so leicht verkraften.

Knurrend sprang er vor, plötzlich nur noch einen Meter von mir entfernt, und seine Finger schlössen sich fest um meine Kehle. Keuchend versuchte ich mit beiden Händen, seine Hand zu lösen, um wieder atmen zu können.

»Wenn Baltic dich nicht lebend haben wollte, würde ich dich auf der Stelle für diese Beleidigung töten«, grollte er und schlang seinen Schwanz um meine Beine, um mich festzuhalten. Ich kam nicht an meinen Dolch. Bote Punkte flimmerten vor meinen Augen, als ich verzweifelt nach Atem rang.

Verwandle dich!, befahl das Stück Drachenherz, und da ich keine andere Wahl hatte, tat ich es. Aber auch in Drachengestalt konnte ich ihn nicht abwehren, er war einfach zu stark für mich.

»Allerdings würde das Vergnügen, dich zu töten, Baltics Missvergnügen sicher bei Weitem übertreffen«, zischte Fiat. Wahnsinn loderte in seinen Augen, Wahnsinn und ein Blutdurst, der mich zu Tode ängstigte. Schon sah ich sein Gesicht nur noch verschwommen und stellte entsetzt fest, dass er mich tatsächlich umbrachte und dass ich Gabriel nie wiedersehen würde.

»Du willst dich ohne mich vergnügen? Das wird dir nicht gelingen. Ich muss darauf bestehen, die Hauptrolle zu spielen, aber wenn du brav bist, darfst du vielleicht mitmachen.«

Die Stimme hinter Fiat war kühl, und sie hatte die gewünschte Wirkung - Fiat drehte sich um, um zu sehen, wer hinter ihm stand, aber er war nicht schnell genug. Magoth schwang einen großen, wie einen Pfau geformten Schürhaken, der mit einem krachenden Geräusch auf Fiats Schädel traf.

Einen Moment lang starrte Fiat ihn überrascht an, bevor er zu Boden sank. Unter ihm sammelte sich schnell eine kleine Blutlache auf dem Parkett.

Das Letzte, was ich sah, bevor Dunkelheit mich umfing, war Magoths Lächeln.

Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-KM
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_000.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_001.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_002.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_003.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_004.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_005.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_006.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_007.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_008.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_009.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_010.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_011.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_012.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_013.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_014.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_015.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_016.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_017.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_018.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_019.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_020.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_021.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_022.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_023.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_024.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_025.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_026.htm
Silver Dragons 03 - Drachen lieben heisser-neu-ok-26.12.11-Km_split_027.htm